der zweite anschlag

Rechte Parolen und Gewalttaten schneiden Wunden in unsere Gesellschaft. Mit erschreckender Kontinuität wiederholen sich seit Jahrzehnten hassmotivierte Ausschreitungen, Angriffe und Morde in Deutschland. In "Der zweite Anschlag" steht die Perspektive der Betroffenen dieser Gewalt im Mittelpunkt und eröffnet einen detaillierten Einblick in den Kampf migrantischer Communities gegen Hass in Deutschland. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit BAFNET statt.

FAQ zum Film:

BAFNET:
Am 21.April diesen Jahres wurde das schriftliche Urteil zum NSU-Prozess vorgelegt, knapp zwei Jahre nachdem DER ZWEITE ANSCHLAG erschien. Große Kritikpunkte am Urteil waren die Abwesenheit einer strukturellen Kritik an der Mordserie sowie die
Perspektive der Opferfamilien, beides Aspekte, die du in deinem Film ins Zentrum gestellt hast. Wie beurteilst du den derzeitigen Diskurs um den NSU-Komplex?


MALA REINHARDT:
Im Film spricht Osman Tasköprü als Angehöriger eines Ermordeten davon, dass er keine Erwartungen an den NSU-Prozess hat. Das Interview mit ihm entstand vor dem Verfahrensende und schon zu diesem Zeitpunkt war seine Resignation und Frustration spürbar. Die Urteilsverkündung hat dann tatsächlich keine Überraschungen offenbart und meinem Gefühl nach hat selbst die schriftliche Verkündung des Urteils schon keine große Resonanz mehr hervorgerufen. Insofern haben sich Osmans Befürchtungen, dass nach ein paar Verurteilungen die Taten und der Prozess in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten werden, bewahrheitet. Ich meine auch, dass die nachfolgenden Ereignisse in Kassel, Hanau und Halle kaum in Bezug auf den NSU-Prozess diskutiert wurden und somit frühere Anschläge und Morde in der neueren Berichterstattung quasi keinen Raum mehr finden.


BAFNET:
Es hat in den vergangenen Jahren in kürzesten Abständen weitere rassistische Anschläge und Mordserien gegeben (Halle, Hanau, Celle). Auch hier wurden nicht alle Angehörige der Opfer zur staatlich organisierten Trauerfeier eingeladen. Auch hier liegt es am Engagement der Opferfamilien und ihren Communities, das Gedenken an die Ermordeten aufrecht zu erhalten. Wiederholen sich hier bestimmte Muster? Wie findest du einen Umgang damit und beeinflussen diese Geschehnisse weiterhin deine Arbeit als
Filmschaffende?


MALA REINHARDT:
Ein Anliegen unseres Films DER ZWEITE ANSCHLAG besteht darin aufzeigen, dass es eine Kontinuität rechter Gewalttaten und den Antworten darauf gibt. In diesem Sinne kann ich nur bestätigen, dass sich die Muster im Umgang mit den Betroffenen wiederholen - und das nicht erst in der jüngsten Vergangenheit. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn die Politik aus den immer neu verübten Anschlägen lernen würde und es beispielsweise Konsens wäre, die Betroffenen und ihre Wünsche ins Zentrum zu stellen. Leider sind wir noch weit davon entfernt. Was wir als Filmemacher*innen von DER ZWEITE ANSCHLAG
bemerken ist, dass es nach wie vor ein ungebrochenes Interesse an unserem Film gibt, was sicherlich damit zu tun hat, dass das Thema nicht an Aktualität verliert. Leider.

BAFNET:
Dieses Jahr wird der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland begangen. In den darauffolgenden Jahren jähren sich zum 30. Mal die rassistischen Anschläge in Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mölln
(1992), und Solingen (1993). Was für eine Erinnerungskultur wünschst du dir in naher Zukunft und wie können Filme wie deine dazu beitragen?

MALA REINHARDT:
In unserem Film äußern die Protagonist*innen klare Vorstellungen davon, was eine Erinnerungskultur beinhalten sollte. Beim NSU-Tribunal in Köln wird beispielsweise deutlich, dass es Raum geben muss für die Wünsche und Forderungen der Betroffenen.
Ihnen sollte eine Bühne gegeben werden, die auch ein breites Publikum und Öffentlichkeit erreichen. Es ist schade zu beobachten, dass beispielsweise die staatlich und zivilgesellschaftlich organisierten Gedenkveranstaltungen nebeneinander herlaufen und nicht Hand in Hand konzipiert werden. So sollten meiner Meinung nach neben Politiker*innen und Expert*innen auch die Angehörigen und Betroffenen auf derselben Bühne stehen. Somit könnte eine größere Vielfalt der Erinnerungskultur geschaffen werden.

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