Allein sind wir erledigt. Zusammen erledigen wir das.

Eröffnungspanel

Photocredits: Natalia Reich

Do., 22. Okt. 2026

19:30 – 20:30 Uhr

○ Diskurs

„The function of freedom is to free someone else“, sagte Toni Morrison 1979 in einer Rede am Barnard College. In diesem Satz steckt eine Zumutung, die heute vielleicht dringlicher ist als damals: Freiheit, die bei der eigenen Freiheit stehen bleibt, verfehlt ihren Zweck.

Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben die deutsche Kulturlandschaft tiefgreifend verändert. Künstler*innen, Kurator*innen, Autor*innen und Kulturinstitutionen aus postmigrantischen Kontexten haben neue Perspektiven auf Erinnerung, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Diese Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte – aber keine abgeschlossene. Und vielleicht müssen wir heute auch darüber sprechen, was in ihr nicht gelungen ist. Gerade weil das Postmigrantische erfolgreich war, lohnt sich eine kritischere Bilanz seines Erfolgs. Aus widerständiger Selbstbeschreibung ist längst eine kulturelle Kategorie geworden, mit eigenen Institutionen, Ästhetiken und prominenten Stimmen. Das Postmigrantische ist, zugespitzt gesagt, zu einer Marke geworden. Hat die postmigrantische Öffnung tatsächlich Strukturen verändert – oder hat sie vor allem einzelnen Akteur*innen ermöglicht, innerhalb bestehender Strukturen erfolgreich zu werden? Repräsentation und Emanzipation sind schließlich nicht dasselbe.

Unter den Bedingungen eines wachsenden autoritären Drucks verändert sich die Frage nach Emanzipation selbst: Die Freiheit der jeweils „anderen“ wird zur Bedingung der eigenen Freiheit. Eine Gesellschaft, die migrantische Zugehörigkeit wieder zur Disposition stellt, verändert die Bedingungen von Zugehörigkeit für alle.

In Kooperation mit zwei Programmen von DialoguePerspectives e.V. eröffnen wir das diesjährige fluctoplasma Festival diskursiv: der Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD), die zu pluralen Erinnerungskulturen, kuratorischer Forschung, Erinnerungspraxis und partizipativer Kulturarbeit arbeitet, sowie Dagesh – Jüdische Kunst im Kontext, das künstlerische Perspektiven auf jüdische Gegenwart, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Teilhabe in den Dialog einbringt. Freut euch auf 50 Minuten Gedankeninspiration für eine Gesellschaft der Vielen!

Mit: Ido Gotlib, Nhi Le und Julia Wissert, Moderation: Sonia Smolenski

Dieses Panel ist Teil von der Eröffnung von fluctoplasma 2026, die um 18 Uhr startet. Der ganze Eröffnungsabend ist kostenlos - holt euch aber bitte aus organisatorischen Gründen ein 0-Euro-Ticket jeweils für die offizielle Eröffnung und das Konzert von MADANII.


Und für die gedankliche Einstimmung und Inspiration bis dahin – ausführliche Gedanken vom Kurationsteam zu dieser Eröffnung:

Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben die deutsche Kulturlandschaft tiefgreifend verändert. Künstler*innen, Kurator*innen, Autor*innen und Kulturinstitutionen aus postmigrantischen Kontexten haben neue Perspektiven auf Erinnerung, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Sie haben den sogenannten „deutschen Kanon“ erweitert, Leerstellen sichtbar gemacht und darauf bestanden, die plurale Gesellschaft nicht als Zukunftsversprechen, sondern als bestehende Realität zu begreifen.

Diese Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte – aber keine abgeschlossene. Und vielleicht müssen wir heute auch darüber sprechen, was in ihr nicht gelungen ist.

Der Begriff des Postmigrantischen war immer auch ein Begriff der Selbstbehauptung: Er widersprach der Vorstellung, Menschen müssten erst vollständig „angekommen“ sein, bevor sie Anspruch auf gesellschaftliche Zugehörigkeit und demokratische Teilhabe erheben könnten. Diese Selbstbehauptung war notwendig. Sie hat Räume geöffnet, Repräsentation erkämpft und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten verschoben.

Gerade weil das Postmigrantische erfolgreich war, lohnt sich eine kritischere Bilanz seines Erfolgs. Aus widerständiger Selbstbeschreibung ist längst eine kulturelle Kategorie geworden, mit eigenen Institutionen, Ästhetiken und prominenten Stimmen. Das Postmigrantische ist, zugespitzt gesagt, zu einer Marke geworden. Und wie jede erfolgreiche Marke produziert es nicht nur Zugehörigkeit, sondern auch Distinktion: Wer erhält Sichtbarkeit, Ressourcen und institutionellen Zugang? Und wer bleibt unsichtbar, obwohl gerade in seinem Namen gesprochen wird?

Hat die postmigrantische Öffnung tatsächlich Strukturen verändert – oder hat sie vor allem einzelnen Akteur*innen ermöglicht, innerhalb bestehender Strukturen erfolgreich zu werden? Repräsentation und Emanzipation sind schließlich nicht dasselbe. Dass Menschen, denen kulturelle Institutionen lange verschlossen waren, heute Bühnen, Leitungspositionen und Öffentlichkeit erreichen, ist ein realer Fortschritt. Aber individueller Aufstieg wird erst dann zu gesellschaftlicher Veränderung, wenn durch ihn Räume für andere entstehen.

Vielleicht stößt deshalb eine Phase an ihre Grenze, in der Emanzipation vor allem als Selbstermächtigung einzelner Communities gedacht werden konnte. Nicht, weil diese Kämpfe überholt wären – im Gegenteil: Viele ihrer Forderungen sind noch lange nicht realisiert. Aber Selbstbehauptung erzeugt keine Solidarität, und Sichtbarkeit verändert keine Machtverhältnisse.

Unter den Bedingungen eines wachsenden autoritären Drucks verändert sich die Frage nach Emanzipation selbst: Die Freiheit der jeweils „anderen“ wird zur Bedingung der eigenen Freiheit. Eine Gesellschaft, die migrantische Zugehörigkeit wieder zur Disposition stellt, verändert die Bedingungen von Zugehörigkeit für alle.

Unterschiede zwischen Erfahrungen, Geschichten und Gefährdungen müssen nicht eingeebnet werden – Solidarität setzt keine Gleichheit der Erfahrung voraus. Sie beginnt gerade dort, wo wir anerkennen, dass wir Unterschiedliches erfahren, unterschiedlich gefährdet sind und dennoch politisch voneinander abhängen.

Diese Abhängigkeit anzuerkennen, verlangt eine andere Sprache der Stärke. Wo Zugehörigkeit bestritten wird, muss sie behauptet werden. Doch wo Stärke permanent demonstriert werden muss, bleibt für Verletzlichkeit wenig Raum. Die Selbstbehauptung soll nicht durch ein neues Ideal der Vulnerabilität ersetzen werden. Von Menschen, die Angriffen und Ausgrenzung ausgesetzt sind, kann nicht verlangt werden, ihre Verletzlichkeit öffentlich auszustellen. In einer Gesellschaft, in der Homogenisierungsfantasien politische Macht gewinnen, kann schließlich aus dem Bekenntnis zur Verletzlichkeit sehr schnell reale Verletzbarkeit werden.

Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Verantwortung entsteht daraus, dass unsere Freiheiten voneinander abhängen – obwohl unsere Verletzlichkeiten ungleich verteilt sind?

Gemeinsam mit Vertreter*innen aus Kunst, Kultur und Zivilgesellschaft blickt das Panel deshalb zurück und nach vorn: Was haben die postmigrantischen Aufbrüche der vergangenen Jahrzehnte verändert? Wo sind ihre Versprechen uneingelöst geblieben? Welche Formen der Solidarität haben funktioniert – und welche nicht? Wie können wir über unterschiedliche Erfahrungen von Rassismus, Antisemitismus, Migration, Exil und gesellschaftlicher Ausgrenzung sprechen, ohne sie gleichzusetzen und sie gegeneinander auszuspielen? Und welche Bündnisse brauchen wir in einem Moment, in dem Pluralität selbst wieder zur politischen Verhandlungsmasse wird?

Toni Morrisons Satz bekommt damit eine neue Dringlichkeit. Wenn Freiheit ihre Funktion erst darin erfüllt, andere zu befreien, genügt es nicht, Pluralität für Gruppen zu erringen oder die eigenen Räume zu verteidigen.

Vielleicht besteht die politische Aufgabe der Gegenwart darin, den nächsten Schritt zu gehen: von der Selbstbehauptung zur wechselseitigen Verantwortung, von der Repräsentation zum Bündnis, von der eigenen Freiheit zur Freiheit der anderen.

Allein sind wir erledigt. Zusammen erledigen wir das.

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